GESCHICHTEN:

Die Wolke

Es gab da einmal eine kleine Wolke, an deren Namen ich mich nicht mehr erinnern kann. Jedenfalls war dieser kleine Satansbraten von zu Hause abgehauen, obwohl ihre Mutter sie oft ermahnt hatte, dass sie in ihrer Nähe bleiben sollte, um nicht die normalen Himmelsbahnen zu verlassen.
Trotzdem machte sie sich heimlich aus dem Staub, um ihre eigenen Wege zu gehen. Nicht dass es ihr etwa bei ihrer Mutter nicht gefiel, aber sie war es leid, immer die selben Plätze zu sehen, denn die Mutter mit ihrer großen Erfahrung wusste Wege, um die großen Wüsten zu vermeiden, was für eine Wolke fast immer den sicheren Tod bedeutete. So hielt die Mutter sich immer ziemlich nördlich, um ihrer Todfeindin, der Sonne, jedenfalls teilweise zu entgehen.
Die kleine Wolke war jetzt ganz allein aber sie fürchtete sich nicht, sondern versteckte sich solange bis es hell wurde, hinter dem Mond. Danach flog sie über Wiesen und Felder, die so schön anzusehen waren, und da sie so etwas nie zuvor gesehen hatte, genoss sie es auch in vollen Zügen. Es gab so vieles neues zu entdecken, doch sie war ein bisschen traurig, dass sie niemandem davon erzählen konnte. Plötzlich verschwanden Felder und Äcker und immer mehr Häuser kamen zum Vorschein.
Sie sah so viele Menschen, wie sie nie zuvor in ihrem kleinen Leben gesehen hatte. Jetzt gab es Brücken mit Autos und Straßen voller Leben und sie blieb, da der Wind gerade günstig war, etwas stehen, um sich auszuruhen und das Treiben unten zu beobachten. Da kam eine große Schar Stadttauben auf sie zugeflogen und plötzlich waren sie in ihr drin. Offensichtlich um sich abzukühlen von der Hitze der Stadt.
Die Vögel kitzelten sie mit ihren Flügelschlägen, wobei die kleine Wolke fast wahnsinnig wurde, und so versuchte sie Reißaus zu nehmen. Es gelang ihr auch fast, aber einige Tauben waren immer noch in ihr und flogen in ihr mit. Da tauchte plötzlich etwas riesengroßes, quadratisches direkt vor der Wolke auf und sie konnte einfach nicht mehr ausweichen.
Die armen Vögel, die das Hochhaus nicht bemerkten - denn im dichten Nebel der Wolke war es unmöglich etwas zu sehen - hatten keine Überlebenschance und zerschellten am kalten Beton. Dem einen sein Leid ist dem anderen seine Freud.
Die Wolke war von ihren Plagegeistern befreit, und sofort war sie von ihrem Jucken erlöst. Seit diesem Vorfall nennen manche Menschen Hochhäuser auch Wolkenkratzer.
JoSimonCopyright©